Wessen Werk ist die Taufe? (Teil 2): Kann ein Baby glauben?
Dies ist der zweite Artikel einer Reihe von vier Artikeln über die Taufe. Falls du noch nicht eingestiegen bist: Teil 1: Gottes Versprechen im Wasser - Von der Sintflut zum Taufbecken.
Können Säuglinge glauben?
„Ein Baby kann doch gar nicht glauben!" - Kann es nicht?
Zuerst eine dogmatische Grenzziehung, damit dieser Abschnitt nicht missverstanden wird:
Die lutherische Kirche tauft Kinder nicht, weil sie im Säugling einen Glauben diagnostiziert hätte.
Sie tauft auch Erwachsene nicht deshalb, weil sie deren Herz sehen könnte.
Sie tauft auf Gottes Befehl und Verheißung.
Der Säuglingsglaube ist darum keine verborgene Voraussetzung, die wir beweisen müssten, damit die Kindertaufe erlaubt oder gültig wird.
Er ist die Gabe, die Gott durch Wort und Taufe wirkt.
Die folgenden Texte sollen also nicht eine psychologische Innenansicht des Babys liefern, sondern ein verbreitetes Axiom der Glaubenstaufe zerbrechen: die Behauptung, Gott könne ohne kognitive Reife keinen Glauben und keinen Geistempfang wirken.
Schon die lutherische Tradition hat diese Frage nicht als bloß akademisch behandelt. Luther selbst geht im Großen Katechismus direkt auf den Einwand ein, ob Kinder auch glauben können, und antwortet nicht mit Polemik, sondern mit einem Verweis auf die Frucht:
Dass die Kindertaufe Christus gefällt, beweist sich genugsam aus seinem eigenen Werk, nämlich dass Gott ihrer viele heilig gemacht und ihnen den Heiligen Geist gegeben hat, die also getauft sind, und dass noch heutigen Tages viele sind, an denen man spürt, dass sie den Heiligen Geist haben, sowohl der Lehre als auch des Lebens halber.1
Wo Generationen von im Säuglingsalter Getauften ihr Leben lang im Glauben stehen, ist das für Luther selbst schon ein Zeugnis: Gott bindet sein Werk nicht an eine bestimmte kognitive Reife.
Das ist keine private Zuspitzung Luthers geblieben, sondern in den Rang eines Bekenntnissatzes erhoben worden. Melanchthon führt in der Apologie der Confessio Augustana - der offiziellen Verteidigungsschrift des Augsburger Bekenntnisses von 1531 - genau dieses Argument als zweiten Hauptgrund für die Kindertaufe an:
Dass aber Gott Gefallen hat an der Taufe der jungen Kinder, zeigt er damit an, dass er vielen, so in der Kindheit getauft sind, den Heiligen Geist hat gegeben; denn es sind viel heilige Leute in der Kirche gewesen, die nicht anders getauft sind.2
Und er zieht daraus die Konsequenz mit der Schärfe eines Anwalts vor Gericht: Wäre die Kindertaufe nichtig, dann wäre der Heilige Geist all diesen Menschen nie gegeben worden - und dann hätte es die Kirche der letzten anderthalb Jahrtausende schlicht nicht gegeben.3 Das Argument ist bewusst a posteriori: Es misst die Kindertaufe nicht an einer Theorie über Säuglingspsychologie, sondern an dem, was Gott in der Kirche sichtbar tut. Wer die Kindertaufe für unwirksam erklärt, muss erklären, wo die Heiligen herkommen, die nie anders getauft wurden.
Bevor wir antworten, müssen wir fragen, was „Glauben" biblisch überhaupt ist. Und hier liegt ein oft auftretender Kardinalfehler des baptistischen Einwands: Er setzt stillschweigend voraus, Glaube sei eine intellektuelle Leistung - Informationen verstehen, abwägen, zustimmen, sich entscheiden.
Nach der Schrift aber ist der rettende Glaube im Kern etwas anderes: Vertrauen.
Ein Sich-festhalten an Christus, das nicht wir produzieren, sondern das der Heilige Geist durch das Wort in uns wirkt.
Glaube ist keine Bedingung, die der Mensch erfüllt, sondern die leere, ausgestreckte Hand - und auch das Ausstrecken der Hand wirkt Gott selbst.
Mit dieser Klärung lese man nun folgende Stellen:
David bekennt in Psalm 22, 10 - 11:
Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter. Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an; du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.
Hier sehen wir Vertrauen auf Gott ab dem Mutterschoß, von Gott selbst gewirkt.
Johannes der Täufer wird „schon von Mutterleib an erfüllt mit dem Heiligen Geist" (Lk 1, 15) und hüpft im sechsten Schwangerschaftsmonat „vor Freude" im Leib seiner Mutter, als die schwangere Maria den Raum betritt (Lk 1,41-44).
Hierbei muss man jedoch bemerken, dass dieses Ereignis ein heilsgeschichtliches, prophetisches Ausnahmereignis, kein Gesetz für jede Schwangerschaft und kein normatives Schema für jede kindliche Regung ist.
Aber als Machbarkeitsbeweis ist die Stelle stark: Ein Ungeborener kann vom Heiligen Geist erfüllt werden und auf Christus reagieren.
Wer entwicklungspsychologisch behauptet, Säuglinge könnten den Geist Gottes grundsätzlich nicht empfangen, hat nicht die Bibel auf seiner Seite, sondern ein unbiblisches kognitives Axiom.Jesus selbst spricht von „diesen Kleinen, die an mich glauben" (Mt 18,6) - unmittelbar nachdem er ein kleines Kind in die Mitte der Jünger gestellt hat (Mt 18,2).
Jesus rechnet Kindern Glauben zu; wir sollten es nicht besser wissen wollen als er.4Und die Szene, die jeder kennt: Man bringt Kinder zu Jesus - Lukas schreibt ausdrücklich βρέφη (bréphē; Lk 18,15 NA28), das griechische Wort für Säuglinge -, die Jünger wehren ab, und Jesus wird unwillig:
„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Mk 10,14-15)
Man beachte die Pointe des letzten Wortes, denn sie hebelt den Einwand der Glaubenstaufe grob aus:
Das Kind ist im Reich Gottes nicht das Problem, sondern das Vorbild. Nicht der Säugling muss erst werden wie der reflektierende Erwachsene, um Gottes Gabe empfangen zu können - der Erwachsene muss werden wie der Säugling: ein reiner Empfänger, der nichts vorweisen, nichts leisten, nichts entscheiden kann, sondern sich schenken lässt. Wer sagt: „Das Kind kann noch nichts - also kann es die Taufe nicht empfangen", hat das Evangelium an seinem entscheidenden Punkt missverstanden.
Genau weil das Kind nichts kann, ist es der ideale Taufkandidat.
Gelegentlich wird eingewandt, Jesus habe die Kinder in dieser Szene ja gerade nicht getauft, sondern „nur" gesegnet. Das stimmt - und es konnte gar nicht anders sein:
Die christliche Taufe wurde erst vom Auferstandenen gestiftet (Mt 28,19), denn niemand konnte „in Christi Tod getauft" werden (Röm 6,3), solange Christus nicht gestorben und auferstanden war. Vor Ostern hat Jesus selbst überhaupt niemanden getauft - auch keinen Erwachsenen (Joh 4,2); was seine Jünger in jener Zeit übten (Joh 3,22; 4,1-2), war eine vorbereitende Taufe nach Art des Johannes, denn eine Taufe in Christi Tod konnte es vor Christi Tod nicht geben.5 Wer also aus dieser Szene ableiten will, Kinder gehörten nicht zur Taufe, müsste mit derselben Logik die Taufe aller Menschen bestreiten. Was die Szene tatsächlich festhält, ist das Prinzip: Säuglinge können zu Christus gebracht werden, er will sie bei sich haben, und ihnen gehört sein Reich. Wie Menschen seit Ostern zu Christus gebracht werden, sagt der Taufbefehl.
Hieraus folgt etwas für die Gesamtdebatte entscheidendes:
Der Erwachsene ist in keiner besseren Lage.
Die Schrift sagt nämlich über jeden Menschen vor der Bekehrung folgendes:
„Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen." (1. Kor 2,14)
„Auch ihr wart tot in euren Übertretungen und Sünden." (Eph 2,1)
„Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme." (Eph 2,8-9)
Kinder Gottes werden Menschen „nicht aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren." (Joh 1,13)
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." (Joh 15,16)
Ein geistlich Toter entscheidet sich nicht für das Leben - Tote entscheiden gar nichts.
Wenn Glaube eine Eigenleistung des Menschen wäre, könnte auch kein Erwachsener glauben.
Wenn Glaube aber Gottes Geschenk ist, das der Heilige Geist durch das Wort wirkt - warum sollte der Geist, der einem toten Herzen von 40 Jahren Glauben schenken kann, an einem Herzen von 40 Tagen scheitern?
Ist Gottes Arm zu kurz für die Wiege?
Der Einwand „Säuglinge können nicht glauben" ist also in Wahrheit kein Argument gegen die Kindertaufe, sondern ein Argument gegen die Erbsündenlehre und für die Vorstellung, der Mensch trage zu seiner Rettung selbst etwas bei. Dazu aber später mehr.
Ein weiterer häufig angebrachter Einwand entstammt dem 10. Kapitel des Römerbriefs:
Aber der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10,17) - ein Säugling kann doch nicht hören!
Doch - gerade in der Taufe.
Die Taufe ist ja nicht wortloses Wasser, sondern „das Wasserbad im Wort" (Eph 5,26):
Bei jeder Taufe wird Gottes Wort laut über dem Kind gesprochen.
Und Gottes Wort ist kein Informationsangebot, das erst durch unser Verstehen wirksam würde - es ist schöpferisches Wort, das bewirkt, was es sagt.
Dasselbe Wort, das zu dem toten Lazarus sprach „Komm heraus!" (Joh 11,43) und damit das Hören-Können gleich mitschuf, spricht in der Taufe zu einem geistlich toten Kind.
Wer das für unmöglich hält, halte sich an Lukas 1,44: Johannes hörte Marias Gruß - im Mutterleib.
Die Taufe gibt den Heiligen Geist - und der Geist wirkt den Glauben
Bevor wir zu den Einwänden kommen, muss ein Punkt präzisiert werden, der bisher nur nebensächlich erwähnt wurde: Woher hat der Säugling den Glauben, von dem eben die Rede war? Die Antwort der Schrift ist keine Vermutung über kindliche Psychologie, sondern eine Aussage über die Taufe selbst.
Denn die Schrift verbindet Taufe und Heiligen Geist aufs Engste - nicht als zwei getrennte Ereignisse, sondern so, dass die Taufe das Mittel ist, durch das der Geist gegeben wird:
„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen […], so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes" (Apg 2,38) - der Geist ist hier nicht Vorbedingung der Taufe, sondern ihre Gabe.
„… durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus" (Tit 3,5-6) - der Geist, von dessen reicher Ausgießung hier die Rede ist, ist eben der im Bad der Wiedergeburt wirkende: Bad, Erneuerung und Geistesgabe stehen in einem einzigen Satzgefüge.
„Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft" (1. Kor 12,13).
„Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist" (Joh 3,5) - Wasser und Geist stehen in einem Atemzug, in ein und derselben Geburt.
Und was tut der Geist, wo er gegeben wird?
Er tut, was er immer tut:
Er verherrlicht Christus (Joh 16,14) und wirkt das Vertrauen auf ihn.
„Niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer durch den Heiligen Geist" (1. Kor 12,3).
Der Glaube ist Gabe, nicht Eigenleistung (Eph 2,8; Phil 1,29) - und der Geber ist der Geist.
Der Galaterbrief zieht die Linie in einem Zug durch:
Durch die Taufe haben wir Christus angezogen und sind Söhne (Gal 3,26-27), „weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!" (Gal 4,6).
Man beachte das Bild: Das Werk des Geistes im Herzen ist der Schrei des Kindes nach seinem Vater - nicht der Schlusspunkt eines langen Nachdenkens.
Damit schließt sich der Kreis des vorigen Kapitels:
Wenn die Taufe den Geist gibt und der Geist den Glauben wirkt, dann ist der Säuglingsglaube keine kühne Behauptung über das Innenleben von Babys, sondern schlicht das Vertrauen darauf, dass Gott in seinem Gnadenmittel tut, was er zugesagt hat.
Wir diagnostizieren am Kind keinen Glauben - wir erbitten und erwarten ihn von dem Gott, der ihn durch Wasser und Wort wirkt.
Zwei Präzisierungen, damit kein Zerrbild entsteht:
Erstens: Der Geist ist nicht in der Taufe eingesperrt.
Beim erwachsenen Konvertiten wirkt der Geist den Glauben schon durch die Predigt, ehe der Mensch das Taufwasser auch nur gesehen hat - denn auch das gepredigte Wort ist Gnadenmittel (Röm 10,17; Gal 3,2). Der Herr tut Lydia das Herz auf, bevor sie getauft wird (Apg 16,14-15). Die Taufe ist dann keine leere Doppelung: Sie gibt demselben Menschen dieselbe Gnade noch einmal - nun aber leibhaftig, mit Namen und Datum, als festen Grund, auf den er ein Leben lang zurückkommen kann. Es sind nicht zwei konkurrierende Kanäle, sondern ein Gott und ein Geist, der durch Wort und Taufe handelt; die Reihenfolge kann verschieden sein, die Gabe ist dieselbe.
Zweitens: Die Taufe wirkt nicht magisch-automatisch, als würde jeder Getaufte unabhängig von allem selig - diesen Automatismus lehrt kein lutherisches Bekenntnis, und man sollte ihn uns nicht unterschieben. Der Kleine Katechismus sagt es im selben Satz, in dem er die Taufwirkung bekennt:
Sie gibt die ewige Seligkeit „allen, die es glauben".6
Die Gabe wird real dargereicht; der Glaube ist die leere Hand, die sie ergreift - und auch das Öffnen dieser Hand ist Gottes Werk, wie gesehen. Aber Gnade ist keine Zwangsjacke: Der Mensch kann dem Geist widerstehen und das Geschenk ausschlagen.
Nur wird das Erbe dadurch nicht ungültig, dass der Erbe es ausschlägt - es bleibt rechtsgültig vermacht und wartet.
Luther hat das in einem Satz festgehalten, der beide Missverständnisse zugleich abwehrt: „Mein Glaube macht nicht die Taufe, sondern empfängt die Taufe."7
Der Glaube ist weder Gültigkeitsbedingung der Taufe (gegen die Täufer) noch überflüssig (gegen den Automatismus) - er ist der Empfänger.
„Dann müssten ja alle Getauften gerettet sein!"
Der Einwand liegt auf der Hand, und er wird von Kritikern der Kindertaufe mit Recht als ernste Frage gestellt: Wenn die Taufe wirklich den Geist gibt und der Geist wirklich den Glauben wirkt - dann müsste doch jeder Getaufte glauben und selig werden. Ein Blick in jede Volkskirche genügt, um das Gegenteil zu sehen. Also - so der Schluss - gibt die Taufe offenbar nichts.
Doch auch dieses Argument ist ein Fehlschluss, der auf einer unbewiesenen Prämisse beruht. Schauen wir uns mal eine Instanz an, die auch jeder Baptist als Gottes wirksames Mittel anerkennt: die Predigt des Evangeliums. Die Schrift nennt das Evangelium „eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben" (Röm 1,16); der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10,17). Und dennoch hören Unzählige dieselbe Predigt und glauben nicht: „Das Wort der Predigt half jenen nichts" (Hebr 4,2), weil es nicht auf Glauben traf.
Schließt irgendjemand daraus, die Predigt „gebe" in Wahrheit nichts und sei bloß ein Symbol?
Nein, niemand.
Gottes Wort ist Kraft Gottes - und kann dennoch abgewiesen werden: „Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist" (Apg 7,51); „wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen […] und ihr habt nicht gewollt!" (Mt 23,37).
Gottes Gnade ist stark, aber sie vergewaltigt niemanden; sie kann - das ist das eigentlich Erschütternde dieser Verse - ausgeschlagen werden.
Was für das Gnadenmittel Predigt gilt, gilt für das Gnadenmittel Taufe genauso:
Dass viele die Gabe verwerfen, beweist nicht, dass keine Gabe da war.
Es beweist nur, was die Schrift über den Menschen sagt.
Zweitens steckt in dem Einwand eine verborgene Prämisse, die man hier nicht übersehen darf:
Was Gott wirklich gibt, kann nicht wieder verloren gehen.
Das ist - der theologisch Interessierte erkennt sie vielleicht schon - die calvinistische Lehre von der Unverlierbarkeit des Heils, und die Schrift widerspricht ihr ausdrücklich.
Jesus kennt Menschen, die das Wort „mit Freuden annehmen", „eine Zeit lang glauben und zu der Zeit der Anfechtung abfallen" (Lk 8,13).
Der Hebräerbrief kennt Menschen, die „Anteil bekommen haben am Heiligen Geist" - und dann abgefallen sind (Hebr 6,4-6); man kann den Geist also nach dem Zeugnis der Schrift empfangen und wieder verlieren.
Paulus kennt solche, die „im Glauben Schiffbruch erlitten" haben (1. Tim 1,19), und mahnt Getaufte: „Den Geist dämpft nicht" (1. Thess 5,19), „betrübt nicht den Heiligen Geist" (Eph 4,30) - Mahnungen, die sinnlos wären, könnte Empfangenes nicht verspielt werden.
Gewiss deutet die reformierte Exegese alle diese Stellen auf bloß scheinbaren Glauben und bloß äußerlichen Geistanteil um; man muss diesen alten Streit hier gar nicht ausfechten, um zu sehen, was mit dem Einwand geschieht:
Er setzt die Unverlierbarkeit stillschweigend voraus, um die Taufgabe zu bestreiten - beweisen müsste er sie erst.
Und je großzügiger man „eine Zeit lang glauben", „Anteil am Heiligen Geist" und „geheiligt durch das Blut des Bundes" (Hebr 10,29) zu bloßem Schein erklärt, desto schärfer wird die Rückfrage, woher dann irgendein erwachsener Bekenner wissen will, dass sein eigener Anteil keiner ist - wir kommen darauf zurück.
Der getaufte Ungläubige widerlegt also nicht die Gabe der Taufe.
Er ist der biblisch vorhergesehene Fall des Menschen, der die Gabe weggeworfen hat - beklagenswert, aber kein Einwand gegen den Geber.
Drittens zeigt die Schrift uns den getauften Nichtglaubenden sogar selbst - und zeigt, wie mit ihm umzugehen ist.
Simon der Magier „wurde gläubig und ließ sich taufen" (Apg 8,13); kurz darauf muss Petrus ihm ins Gesicht sagen: „Dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott" (Apg 8,21).
Und nun beachte man Petri Therapie.
Er sagt nicht: „Deine Taufe war offenbar ungültig", und nicht: „Du musst noch einmal getauft werden", sondern: „Tue Buße für diese deine Bosheit und flehe zum Herrn" (Apg 8,22). Der Weg des gefallenen Getauften ist die Umkehr - die Rückkehr zu der Zusage, die stehen geblieben ist.
Genau das ist die lutherische Seelsorge: Luther nennt die Taufe das Schiff, das nicht zerbricht; wer herausfällt, der sehe zu, „dass er wieder hinzuschwimme und sich daran halte".8
Die tägliche Buße ist kein zweites Rettungsboot neben der Taufe - sie ist das Zurückklettern in das eine Schiff. (Zum berechtigten Ärger über volkskirchliche Taufscheinchristen unten mehr beim Einwand der „Namenschristen".)
Viertens das Spiegelbild, das man der Fairness halber zeigen muss: Der Einwand trifft die Glaubenstaufe selbst mit identischer Wucht. Auch bekenntnisgetaufte Menschen - die bewusst glaubten, bekannten und sich entschieden - fallen zu Tausenden ab. Müsste man dann nicht mit derselben Logik schließen: „Offenbar gibt die Bekehrung nichts, offenbar wirkt der Geist auch durch die Predigt nichts"?
Das sagt, wie schon angemerkt, selbstverständlich niemand.
Der Schluss „Nicht alle Getauften werden selig, also wirkt die Taufe nichts" beweist entweder gar nichts - oder er beweist gegen jede Position, auch die eigene, dass Gott im Menschen überhaupt nichts wirkt.
Die Wahrheit ist schlichter und biblischer:
Gott gibt wirklich, was Er verheißt, und Menschen können das Gegebene wirklich verachten.
Beides lehrt die Schrift; keines hebt das andere auf.
„Aber Kornelius empfing den Geist doch vor der Taufe!"
Ein zweiter Einwand gegen die Verbindung von Taufe und Geist beruft sich auf den Hauptmann Kornelius:
Während Petrus noch predigt, fällt der Heilige Geist auf alle Hörer - vor jeder Taufe (Apg 10,44).
Zeigt das nicht, dass der Geist am Glauben hängt und nicht am Wasser?
Zunächst zeigt es das, was oben bereits gesagt wurde: Der Geist ist nicht ans Taufdatum gefesselt; er wirkt auch durch das gepredigte Wort, und die Reihenfolge kann variieren.
Die Apostelgeschichte selbst bietet alle Varianten auf: In Apg 2,38 wird der Geist als Gabe der Taufe verheißen; in Apg 8,14-17 empfangen die von Philippus bereits (im Namen des Herrn Jesus) getauften Samariter den Geist erst danach durch die Hände der Apostel; bei Kornelius fällt er davor. Gott ist frei.
Konstant ist in allen Fällen genau eines: Getauft wird immer.
Und darin liegt die Pointe der Korneliusgeschichte, die der Einwand übersieht.
Der Geistempfang vor der Taufe war Gottes demonstratives Ausnahmehandeln, um dem zögernden Petrus und der Jerusalemer Gemeinde unwiderleglich zu beweisen, dass die Heiden in die Kirche gehören - so deutet Petrus es selbst (Apg 11, 15-18; 15, 8-9).
Aber was folgert Petrus aus dem Wunder?
Nicht: „Diese Menschen haben den Geist schon - wozu jetzt noch Wasser?" Sondern: „Kann auch jemand denen das Wasser verwehren, dass diese nicht getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir? Und er befahl, sie zu taufen" (Apg 10,47-48).
Wäre die Taufe ein bloßes nachträgliches Symbol, wäre sie ausgerechnet hier verzichtbar gewesen - das, was sie angeblich nur abbildet, war ja für alle sichtbar schon geschehen.
Stattdessen: Befehl zur unverzüglichen Taufe.
Der Lieblingsbeleg gegen die Taufgnade zeigt also, dass die Apostel die Taufe selbst dem schon Glaubenden und Geisterfüllten nicht ersparen, sondern schenken - weil sie ihm etwas gibt, was er noch nicht hat: die leibhaftige, datierbare, lebenslang belastbare Zusage.
Gottes Sonderwege heben seine ordentlichen, normativen Wege nicht auf; sie münden in sie.
Dies war Teil 2 von 4. Weiter geht es in Teil 3: „Nur ein Symbol?" - Die Einwände gegen die Kindertaufe im biblischen Faktencheck.
Martin Luther, Großer Katechismus, Vierter Teil: Von der Taufe; BSELK 1122,20-29 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach: Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition, hg. v. Irene Dingel, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (= BSELK), nach Seite und Zeile. ↩︎
Apologie der Confessio Augustana, Artikel IX: Von der Taufe; deutscher Text (Justus Jonas) nach BSELK 424,4-9 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert wird nach: Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition, hg. v. Irene Dingel, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (= BSELK), nach Seite und Zeile. ↩︎
Diesen Schluss zieht die Apologie ausdrücklich, allerdings nur im lateinischen Text: „Nam si hic Baptismus irritus esset, nullis daretur spiritus sanctus, nulli fierent salvi, denique nulla esset Ecclesia“ - „Denn wäre diese Taufe nichtig, so würde niemandem der Heilige Geist gegeben, niemand würde selig, und schließlich gäbe es gar keine Kirche“ (BSELK 425,6f., eigene Übersetzung). ↩︎
Man kann exegetisch darüber streiten, ob „diese Kleinen" nur das Kind in der Mitte oder auch die „geringen" Jünger insgesamt umfasst - aber Jesus spricht den Satz, während das Kind noch vor ihm steht, und das Argument dieses Abschnitts hängt ohnehin nicht an dieser einen Stelle. ↩︎
Aus demselben Grund redet auch Johannes 3, 5 zu Nikodemus vorausweisend - im selben Gespräch kündigt Jesus ja ebenso seine Kreuzigung an, ehe sie geschehen ist, Joh 3,14: Nikodemus hörte beides als Verheißung kommender Dinge, und der Evangelist schreibt für Leser, die beides kennen. ↩︎
Martin Luther, Kleiner Katechismus, Das Sakrament der heiligen Taufe; BSELK 882,19-21 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach BSELK. ↩︎
Martin Luther, Großer Katechismus, Vierter Teil: Von der Taufe; BSELK 1130,33-1132,2 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach BSELK. ↩︎
Martin Luther, Großer Katechismus, Vierter Teil: Von der Taufe; BSELK 1130,33-1132,2 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach BSELK. ↩︎