Wessen Werk ist die Taufe? (Teil 2): Kann ein Baby glauben?
Dies ist der zweite Artikel einer Reihe von vier Artikeln über die Taufe. Falls du noch nicht eingestiegen bist: Teil 1: Gottes Versprechen im Wasser.
Können Säuglinge glauben?
„Ein Baby kann doch gar nicht glauben!" - Kann es nicht?
Die lutherische Kirche tauft Kinder nicht, weil sie im Säugling einen Glauben diagnostiziert hätte. Sie tauft auch Erwachsene nicht deshalb, weil sie deren Herz sehen könnte, sondern auf Gottes Befehl und Verheißung. Der Säuglingsglaube ist keine verborgene Voraussetzung, die wir beweisen müssten, sondern eine Gabe, die Gott durch Wort und Taufe wirkt. Ob Gott ohne kognitive Reife Glauben und Geistempfang wirken kann, muss deshalb an den biblischen Texten entschieden werden.
Schon die lutherische Tradition hat diese Frage nicht als bloß akademisch behandelt. Luther selbst geht im Großen Katechismus direkt auf den Einwand ein, ob Kinder auch glauben können, und antwortet nicht mit Polemik, sondern mit einem Verweis auf die Frucht:
Dass die Kindertaufe Christus gefällt, beweist sich genugsam aus seinem eigenen Werk, nämlich dass Gott ihrer viele heilig gemacht und ihnen den Heiligen Geist gegeben hat, die also getauft sind, und dass noch heutigen Tages viele sind, an denen man spürt, dass sie den Heiligen Geist haben, sowohl der Lehre als auch des Lebens halber.1
Wo Generationen von im Säuglingsalter Getauften ihr Leben lang im Glauben stehen, ist das für Luther selbst schon ein Zeugnis: Gott bindet sein Werk nicht an eine bestimmte kognitive Reife.
Das ist keine private Zuspitzung Luthers geblieben, sondern in den Rang eines Bekenntnissatzes erhoben worden. Melanchthon führt in der Apologie der Confessio Augustana - der offiziellen Verteidigungsschrift des Augsburger Bekenntnisses von 1531 - genau dieses Argument als zweiten Hauptgrund für die Kindertaufe an:
Dass aber Gott Gefallen hat an der Taufe der jungen Kinder, zeigt er damit an, dass er vielen, so in der Kindheit getauft sind, den Heiligen Geist hat gegeben; denn es sind viel heilige Leute in der Kirche gewesen, die nicht anders getauft sind.2
Und er zieht daraus die Konsequenz mit der Schärfe eines Anwalts vor Gericht: Wäre die Kindertaufe nichtig, dann wäre der Heilige Geist all diesen Menschen nie gegeben worden - und dann hätte es die Kirche der letzten anderthalb Jahrtausende schlicht nicht gegeben.3 Das Argument ist bewusst a posteriori: Es misst die Kindertaufe nicht an einer Theorie über Säuglingspsychologie, sondern an dem, was Gott in der Kirche sichtbar tut. Wer die Kindertaufe für unwirksam erklärt, muss erklären, wo die Heiligen herkommen, die nie anders getauft wurden.
Bevor wir antworten, müssen wir fragen, was „Glauben" biblisch überhaupt ist. Der baptistische Einwand setzt dabei häufig stillschweigend voraus, Glaube sei eine intellektuelle Leistung: Informationen verstehen, abwägen, zustimmen, sich entscheiden.
Die Schrift beschreibt den rettenden Glauben im Kern als Vertrauen.
Dieses Vertrauen hält sich an Christus. Wir bringen es nicht hervor; der Heilige Geist wirkt es durch das Wort in uns.
Glaube ist keine Bedingung, die der Mensch erfüllt, sondern die leere, ausgestreckte Hand - und auch das Ausstrecken der Hand wirkt Gott selbst.
Mit dieser Klärung lese man nun folgende Stellen:
David bekennt in Psalm 22, 10 - 11:
Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter. Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an; du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.
David vertraut Gott vom Mutterschoß an - und Gott selbst hat dieses Vertrauen gewirkt.
Johannes der Täufer wird „schon von Mutterleib an erfüllt mit dem Heiligen Geist" (Lk 1, 15) und hüpft im sechsten Schwangerschaftsmonat „vor Freude" im Leib seiner Mutter, als die schwangere Maria den Raum betritt (Lk 1,41-44).
Hierbei muss man jedoch bemerken, dass dieses Ereignis ein heilsgeschichtliches, prophetisches Ausnahmereignis, kein Gesetz für jede Schwangerschaft und kein normatives Schema für jede kindliche Regung ist.
Aber als Machbarkeitsbeweis ist die Stelle stark: Ein Ungeborener kann vom Heiligen Geist erfüllt werden und auf Christus reagieren.
Wer entwicklungspsychologisch behauptet, Säuglinge könnten den Geist Gottes grundsätzlich nicht empfangen, hat nicht die Bibel auf seiner Seite, sondern ein unbiblisches kognitives Axiom.Jesus selbst spricht von „diesen Kleinen, die an mich glauben" (Mt 18,6) - unmittelbar nachdem er ein kleines Kind in die Mitte der Jünger gestellt hat (Mt 18,2).
Jesus rechnet Kindern Glauben zu; wir sollten es nicht besser wissen wollen als er.4Und die Szene, die jeder kennt: Man bringt Kinder zu Jesus - Lukas schreibt ausdrücklich βρέφη (bréphē; Lk 18,15 NA28), das griechische Wort für Säuglinge -, die Jünger wehren ab, und Jesus wird unwillig:
„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Mk 10,14-15)
Jesus macht das Kind hier zum Bild des Empfangens. Der Erwachsene muss das Reich Gottes „wie ein Kind" empfangen; fehlende Selbstständigkeit ist daher kein Beleg dafür, dass ein Kind Gottes Gabe nicht empfangen könne. Die Stelle ist noch kein Taufbericht, widerspricht aber der Annahme, kognitive Reife sei die Voraussetzung jeder Gnadengabe.
Gelegentlich wird eingewandt, Jesus habe die Kinder in dieser Szene ja gerade nicht getauft, sondern „nur" gesegnet. Das stimmt - und es konnte gar nicht anders sein:
Die christliche Taufe wurde erst vom Auferstandenen gestiftet (Mt 28,19), denn niemand konnte „in Christi Tod getauft" werden (Röm 6,3), solange Christus nicht gestorben und auferstanden war. Vor Ostern hat Jesus selbst überhaupt niemanden getauft - auch keinen Erwachsenen (Joh 4,2); was seine Jünger in jener Zeit übten (Joh 3,22; 4,1-2), war eine vorbereitende Taufe nach Art des Johannes, denn eine Taufe in Christi Tod konnte es vor Christi Tod nicht geben.5 Wer also aus dieser Szene ableiten will, Kinder gehörten nicht zur Taufe, müsste mit derselben Logik die Taufe aller Menschen bestreiten. Was die Szene tatsächlich festhält, ist das Prinzip: Säuglinge können zu Christus gebracht werden, er will sie bei sich haben, und ihnen gehört sein Reich. Wie Menschen seit Ostern zu Christus gebracht werden, sagt der Taufbefehl.
Auch der Erwachsene bringt die entscheidende Fähigkeit nicht aus sich selbst mit. Die Schrift sagt über jeden Menschen vor der Bekehrung:
„Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen." (1. Kor 2,14)
„Auch ihr wart tot in euren Übertretungen und Sünden." (Eph 2,1)
„Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme." (Eph 2,8-9)
Kinder Gottes werden Menschen „nicht aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren." (Joh 1,13)
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." (Joh 15,16)
Wenn Glaube eine Eigenleistung wäre, könnte auch kein Erwachsener glauben. Ist er Gottes Geschenk, lässt sich aus dem Alter des Empfängers keine Grenze für Gottes Wirken ableiten. Der Einwand „Säuglinge können nicht glauben" setzt daher ein Verständnis des Glaubens voraus, das an einer menschlichen Fähigkeit hängt; eben diese Voraussetzung bestreiten die angeführten Texte.
Ein weiterer häufig angebrachter Einwand entstammt dem 10. Kapitel des Römerbriefs:
Aber der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10,17) - ein Säugling kann doch nicht hören!
Doch - gerade in der Taufe.
Die Taufe ist ja „das Wasserbad im Wort" (Eph 5,26), und bei jeder Taufe wird Gottes Wort laut über dem Kind gesprochen. Dieses Wort wird nicht erst durch unser Verstehen wirksam. Es bewirkt, was es sagt.
Zu dem toten Lazarus sprach es „Komm heraus!" (Joh 11,43) und schuf das Hören-Können gleich mit. In der Taufe spricht es zu einem geistlich toten Kind. Und nach Lukas 1,44 hörte Johannes Marias Gruß sogar im Mutterleib.
Die Taufe gibt den Heiligen Geist - und der Geist wirkt den Glauben
Bevor wir zu den Einwänden kommen, muss ein bisher nur beiläufig erwähnter Punkt präzisiert werden: Woher hat der Säugling den Glauben, von dem eben die Rede war? Die Schrift antwortet darauf mit einer Aussage über die Taufe selbst, nicht mit Vermutungen über kindliche Psychologie.
Denn die Schrift verbindet Taufe und Heiligen Geist aufs Engste - nicht als zwei getrennte Ereignisse, sondern so, dass die Taufe das Mittel ist, durch das der Geist gegeben wird:
„Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen […], so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes" (Apg 2,38) - der Geist ist hier nicht Vorbedingung der Taufe, sondern ihre Gabe.
„… durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus" (Tit 3,5-6) - der Geist, von dessen reicher Ausgießung hier die Rede ist, ist eben der im Bad der Wiedergeburt wirkende: Bad, Erneuerung und Geistesgabe stehen in einem einzigen Satzgefüge.
„Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft" (1. Kor 12,13).
„Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist" (Joh 3,5) - Wasser und Geist stehen in einem Atemzug, in ein und derselben Geburt.
Wo der Geist gegeben wird, verherrlicht er Christus (Joh 16,14) und wirkt das Vertrauen auf ihn.
„Niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer durch den Heiligen Geist" (1. Kor 12,3).
Der Glaube ist Gabe, nicht Eigenleistung (Eph 2,8; Phil 1,29) - und der Geber ist der Geist.
Der Galaterbrief zieht die Linie in einem Zug durch:
Durch die Taufe haben wir Christus angezogen und sind Söhne (Gal 3,26-27), „weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!" (Gal 4,6).
Das Bild ist denkbar unverkopft: Das Werk des Geistes im Herzen ist der Schrei des Kindes nach seinem Vater, nicht der Schlusspunkt eines langen Nachdenkens.
Wenn die Taufe den Geist gibt und der Geist den Glauben wirkt, ist der Säuglingsglaube keine kühne Behauptung über das Innenleben von Babys. Wir verlassen uns darauf, dass Gott in seinem Gnadenmittel tut, was er zugesagt hat.
Wir diagnostizieren am Kind keinen Glauben - wir erbitten und erwarten ihn von dem Gott, der ihn durch Wasser und Wort wirkt.
Zwei Präzisierungen, damit kein Zerrbild entsteht:
Erstens: Der Geist ist nicht in der Taufe eingesperrt.
Beim erwachsenen Konvertiten wirkt der Geist den Glauben schon durch die Predigt, ehe der Mensch das Taufwasser auch nur gesehen hat - denn auch das gepredigte Wort ist Gnadenmittel (Röm 10,17; Gal 3,2). Der Herr tut Lydia das Herz auf, bevor sie getauft wird (Apg 16,14-15). Die Taufe ist dann keine leere Doppelung: Sie gibt demselben Menschen dieselbe Gnade noch einmal - nun aber leibhaftig, mit Namen und Datum, als festen Grund, auf den er ein Leben lang zurückkommen kann. Es sind nicht zwei konkurrierende Kanäle, sondern ein Gott und ein Geist, der durch Wort und Taufe handelt; die Reihenfolge kann verschieden sein, die Gabe ist dieselbe.
Zweitens: Die Taufe wirkt nicht magisch-automatisch, als würde jeder Getaufte unabhängig von allem selig - diesen Automatismus lehrt kein lutherisches Bekenntnis, und man sollte ihn uns nicht unterschieben. Der Kleine Katechismus sagt es im selben Satz, in dem er die Taufwirkung bekennt:
Sie gibt die ewige Seligkeit „allen, die es glauben".6
Die Gabe wird real dargereicht; der Glaube ist die leere Hand, die sie ergreift - und auch das Öffnen dieser Hand ist Gottes Werk, wie gesehen. Der Mensch kann dem Geist widerstehen und das Geschenk ausschlagen. Das Erbe wird dadurch nicht ungültig; es bleibt rechtsgültig vermacht.
Luther hat das in einem Satz festgehalten, der beide Missverständnisse zugleich abwehrt: „Mein Glaube macht nicht die Taufe, sondern empfängt die Taufe."7
Der Glaube ist weder Gültigkeitsbedingung der Taufe (gegen die Täufer) noch überflüssig (gegen den Automatismus) - er ist der Empfänger.
„Dann müssten ja alle Getauften gerettet sein!"
Der Einwand liegt auf der Hand, und er wird von Kritikern der Kindertaufe mit Recht als ernste Frage gestellt: Wenn die Taufe wirklich den Geist gibt und der Geist wirklich den Glauben wirkt - dann müsste doch jeder Getaufte glauben und selig werden. Ein Blick in jede Volkskirche genügt, um das Gegenteil zu sehen. Also - so der Schluss - gibt die Taufe offenbar nichts.
Doch auch dieses Argument ist ein Fehlschluss, der auf einer unbewiesenen Prämisse beruht. Der Vergleich mit der Predigt des Evangeliums zeigt den Fehler. Auch jeder Baptist erkennt sie als Gottes wirksames Mittel an. Die Schrift nennt das Evangelium „eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben" (Röm 1,16); der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10,17). Und dennoch hören Unzählige dieselbe Predigt und glauben nicht: „Das Wort der Predigt half jenen nichts" (Hebr 4,2), weil es nicht auf Glauben traf.
Niemand schließt daraus, die Predigt „gebe" in Wahrheit nichts und sei bloß ein Symbol.
Gottes Wort ist Kraft Gottes - und kann dennoch abgewiesen werden: „Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist" (Apg 7,51); „wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen […] und ihr habt nicht gewollt!" (Mt 23,37).
Gottes Gnade ist stark, aber sie vergewaltigt niemanden; sie kann - das ist das eigentlich Erschütternde dieser Verse - ausgeschlagen werden.
Dasselbe gilt für das Gnadenmittel Taufe. Viele verwerfen die Gabe; das beweist nichts gegen die Gabe, aber viel über den Menschen.
Zweitens steckt in dem Einwand eine weitere, meist unausgesprochene Prämisse:
Was Gott wirklich gibt, kann nicht wieder verloren gehen.
Das ist - der theologisch Interessierte erkennt sie vielleicht schon - die calvinistische Lehre von der Unverlierbarkeit des Heils, und die Schrift widerspricht ihr ausdrücklich.
Jesus kennt Menschen, die das Wort „mit Freuden annehmen", „eine Zeit lang glauben und zu der Zeit der Anfechtung abfallen" (Lk 8,13).
Der Hebräerbrief kennt Menschen, die „Anteil bekommen haben am Heiligen Geist" - und dann abgefallen sind (Hebr 6,4-6); man kann den Geist also nach dem Zeugnis der Schrift empfangen und wieder verlieren.
Paulus kennt solche, die „im Glauben Schiffbruch erlitten" haben (1. Tim 1,19), und mahnt Getaufte: „Den Geist dämpft nicht" (1. Thess 5,19), „betrübt nicht den Heiligen Geist" (Eph 4,30) - Mahnungen, die sinnlos wären, könnte Empfangenes nicht verspielt werden.
Gewiss deutet die reformierte Exegese alle diese Stellen auf bloß scheinbaren Glauben und bloß äußerlichen Geistanteil um; man muss diesen alten Streit hier gar nicht ausfechten, um zu sehen, was mit dem Einwand geschieht:
Er setzt die Unverlierbarkeit stillschweigend voraus, um die Taufgabe zu bestreiten - beweisen müsste er sie erst.
Und je großzügiger man „eine Zeit lang glauben", „Anteil am Heiligen Geist" und „geheiligt durch das Blut des Bundes" (Hebr 10,29) zu bloßem Schein erklärt, desto dringlicher muss sich jeder erwachsene Bekenner fragen, warum sein eigener Anteil mehr als bloßer Schein sein soll - wir kommen darauf zurück.
Der getaufte Ungläubige widerlegt die Gabe der Taufe nicht. Er ist ein Fall, mit dem die Bibel ausdrücklich rechnet: ein Mensch, der die Gabe weggeworfen hat - beklagenswert, aber kein Einwand gegen den Geber.
Drittens kennt die Schrift selbst den getauften Ungläubigen und sagt auch, wie mit ihm umzugehen ist.
Simon der Magier „wurde gläubig und ließ sich taufen" (Apg 8,13); kurz darauf muss Petrus ihm ins Gesicht sagen: „Dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott" (Apg 8,21).
Petri Therapie ist aufschlussreich.
Er sagt nicht: „Deine Taufe war offenbar ungültig", und nicht: „Du musst noch einmal getauft werden", sondern: „Tue Buße für diese deine Bosheit und flehe zum Herrn" (Apg 8,22). Der Weg des gefallenen Getauften ist die Umkehr - die Rückkehr zu der Zusage, die stehen geblieben ist.
Genau das ist die lutherische Seelsorge: Luther nennt die Taufe das Schiff, das nicht zerbricht; wer herausfällt, der sehe zu, „dass er wieder hinzuschwimme und sich daran halte".8
Die tägliche Buße ist kein zweites Rettungsboot neben der Taufe - sie ist das Zurückklettern in das eine Schiff. (Zum berechtigten Ärger über volkskirchliche Taufscheinchristen unten mehr beim Einwand der „Namenschristen".)
Viertens das Spiegelbild, das man der Fairness halber zeigen muss: Der Einwand trifft die Glaubenstaufe selbst mit identischer Wucht. Auch bekenntnisgetaufte Menschen - die bewusst glaubten, bekannten und sich entschieden - fallen zu Tausenden ab. Mit derselben Logik müsste man schließen: „Offenbar gibt die Bekehrung nichts, offenbar wirkt der Geist auch durch die Predigt nichts." Das sagt selbstverständlich niemand.
Der Schluss „Nicht alle Getauften werden selig, also wirkt die Taufe nichts" beweist entweder gar nichts - oder er beweist gegen jede Position, auch die eigene, dass Gott im Menschen überhaupt nichts wirkt.
Die Wahrheit ist schlichter und biblischer:
Gott gibt wirklich, was Er verheißt, und Menschen können das Gegebene wirklich verachten.
Beides lehrt die Schrift; keines hebt das andere auf.
„Aber Kornelius empfing den Geist doch vor der Taufe!"
Ein zweiter Einwand gegen die Verbindung von Taufe und Geist beruft sich auf den Hauptmann Kornelius:
Während Petrus noch predigt, fällt der Heilige Geist auf alle Hörer - vor jeder Taufe (Apg 10,44).
Zeigt das nicht, dass der Geist am Glauben hängt und nicht am Wasser?
Der Geist ist nicht ans Taufdatum gefesselt. Er wirkt auch durch das gepredigte Wort, und die Reihenfolge kann variieren.
Die Apostelgeschichte selbst kennt alle Varianten: In Apg 2,38 wird der Geist als Gabe der Taufe verheißen; in Apg 8,14-17 empfangen die von Philippus bereits (im Namen des Herrn Jesus) getauften Samariter den Geist erst danach durch die Hände der Apostel; bei Kornelius fällt er davor. Gott ist frei, und doch wird in allen Fällen getauft.
Für die Einordnung der Korneliusgeschichte ist wichtig:
Der Geistempfang vor der Taufe war Gottes demonstratives Ausnahmehandeln, um dem zögernden Petrus und der Jerusalemer Gemeinde unwiderleglich zu beweisen, dass die Heiden in die Kirche gehören - so deutet Petrus es selbst (Apg 11, 15-18; 15, 8-9).
Petrus folgert aus dem Wunder keineswegs: „Diese Menschen haben den Geist schon - wozu jetzt noch Wasser?" Er sagt: „Kann auch jemand denen das Wasser verwehren, dass diese nicht getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir? Und er befahl, sie zu taufen" (Apg 10,47-48).
Wäre die Taufe ein bloßes nachträgliches Symbol, wäre sie ausgerechnet hier verzichtbar gewesen - das, was sie angeblich nur abbildet, war ja für alle sichtbar schon geschehen. Trotzdem befiehlt Petrus die unverzügliche Taufe.
Der häufig angeführte Kornelius-Beleg zeigt, dass die Apostel die Taufe selbst dem schon Glaubenden und Geisterfüllten nicht ersparen, sondern schenken - weil sie ihm etwas gibt, was er noch nicht hat: die leibhaftige, datierbare, lebenslang belastbare Zusage.
Gottes Sonderwege heben seine ordentlichen, normativen Wege nicht auf; sie münden in sie.
Dies war Teil 2 von 4. Weiter geht es in Teil 3: Einwände gegen die Kindertaufe.
Martin Luther, Großer Katechismus, Vierter Teil: Von der Taufe; BSELK 1122,20-29 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach: Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition, hg. v. Irene Dingel, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (= BSELK), nach Seite und Zeile. ↩︎
Apologie der Confessio Augustana, Artikel IX: Von der Taufe; deutscher Text (Justus Jonas) nach BSELK 424,4-9 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert wird nach: Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition, hg. v. Irene Dingel, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (= BSELK), nach Seite und Zeile. ↩︎
Diesen Schluss zieht die Apologie ausdrücklich, allerdings nur im lateinischen Text: „Nam si hic Baptismus irritus esset, nullis daretur spiritus sanctus, nulli fierent salvi, denique nulla esset Ecclesia“ - „Denn wäre diese Taufe nichtig, so würde niemandem der Heilige Geist gegeben, niemand würde selig, und schließlich gäbe es gar keine Kirche“ (BSELK 425,6f., eigene Übersetzung). ↩︎
Man kann exegetisch darüber streiten, ob „diese Kleinen" nur das Kind in der Mitte oder auch die „geringen" Jünger insgesamt umfasst - aber Jesus spricht den Satz, während das Kind noch vor ihm steht, und das Argument dieses Abschnitts hängt ohnehin nicht an dieser einen Stelle. ↩︎
Aus demselben Grund redet auch Johannes 3, 5 zu Nikodemus vorausweisend - im selben Gespräch kündigt Jesus ja ebenso seine Kreuzigung an, ehe sie geschehen ist, Joh 3,14: Nikodemus hörte beides als Verheißung kommender Dinge, und der Evangelist schreibt für Leser, die beides kennen. ↩︎
Martin Luther, Kleiner Katechismus, Das Sakrament der heiligen Taufe; BSELK 882,19-21 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach BSELK. ↩︎
Martin Luther, Großer Katechismus, Vierter Teil: Von der Taufe; BSELK 1130,33-1132,2 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach BSELK. ↩︎
Martin Luther, Großer Katechismus, Vierter Teil: Von der Taufe; BSELK 1130,33-1132,2 (sprachlich behutsam modernisiert). Zitiert nach BSELK. ↩︎