Woran lutherische Christen glauben - Artikel 2: Von der Erbsünde

Die Confessio Augustana Erklärt

Nachdem Artikel 1 geklärt hat, wer Gott ist – der dreieinige Schöpfer und Erhalter aller Dinge –, stellt sich sofort die nächste Frage: Was ist mit dem Menschen los? Warum braucht er überhaupt einen Erlöser? Die Antwort des Augsburger Bekenntnisses ist radikal und nüchtern zugleich: Der Mensch ist von Grund auf ein Sünder – nicht erst, wenn er etwas Böses tut, sondern schon von Geburt an.

Der Wortlaut des Artikels

Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll Neigung und Lust zum Bösen sind und von Natur aus keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können. Auch wird gelehrt, dass dieses angeborene Übel, diese Erbsünde, wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist von neuem geboren werden.

Damit werden die Pelagianer und andere verworfen, die die Erbsünde nicht für Sünde halten, um dadurch die menschliche Natur aus eigenen Kräften Gott wohlgefällig zu machen, und die so das Leiden und Verdienst Christi verachten.

(Quelle: SELK – selk.de/index.php/unser-bekenntnis-2)

Was heißt hier eigentlich „Sünde"?

Das Wort „Sünde" ist eines der am meisten missverstandenen Wörter überhaupt. In der Alltagssprache denkt man an moralische Verfehlungen – an das dritte Stück Sahnetorte, an eine Geschwindigkeitsübertretung, oder man zitiert den Karnevalsschlager: „Wir sind alle kleine Sünderlein." Und in nichtkirchlichen Kreisen wird „Sünde" oft gleich auf das 6. Gebot reduziert: „Die Kirche behauptet, Sex sei Sünde."

Das alles hat mit dem, was das lutherische Bekenntnis unter Sünde versteht, nichts zu tun.

Das Augsburger Bekenntnis bestimmt den Menschen nicht nach seinen moralischen Leistungen, sondern von seiner Gottesbeziehung her. Und diese Beziehung ist grundlegend zerbrochen. Sünde ist nicht in erster Linie eine schlechte Tat – Sünde ist Trennung von Gott. Der Mensch kann von Natur aus Gott nicht fürchten, Gott nicht vertrauen, Gott nicht von Herzen lieben. Er kann nicht anders, als sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Genau das hat die Schlange im Paradies versprochen: „Ihr werdet sein wie Gott" (1. Mose 3,5).

Was ist „Erbsünde"?

Der Begriff „Erbsünde" kommt so nicht in der Bibel vor, und er ist leicht misszuverstehen. Er meint kein biologisches Phänomen, das man per Gendiagnostik beheben könnte. Er meint auch nicht, dass der Geschlechtsakt als solcher sündig wäre. Was er meint, ist Folgendes:

Seit dem Fall Adams wird jeder Mensch in den Zustand der Trennung von Gott hineingeboren. Man muss nicht erst sündigen, um Sünder zu sein – man ist Sünder von den allerersten Anfängen der eigenen Existenz an. David bringt es auf den Punkt: „Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen" (Ps 51,7).

Die Erbsünde ist dabei immer beides zugleich:

  • Geschick – sie geht unserem eigenen Leben voraus, wir haben sie uns nicht ausgesucht.
  • Wirkliche Schuld vor Gott – wir können sie nicht mit dem Verweis auf Adam oder andere Schuldige von uns wegschieben. Jeder Mensch vollzieht in seinem eigenen Leben nach, was in 1. Mose 3 beschrieben wird.

Entscheidend ist: Dieses Nicht-Können – keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben haben zu können – ist selbst schon Sünde, nicht erst eine Vorstufe dazu. Wie Paulus schreibt: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (1. Kor 2,14). Wir sind geistlich tot.

Die biblische Grundlage

  • Der Fall Adams und seine Folgen: „Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, denn sie sündigten alle." (Röm 5,12)
  • Von Geburt an Sünder: „Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen." (Ps 51,7)
  • Geistlich tot: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit." (1. Kor 2,14)
  • Sünde als Macht: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?" (Röm 7,24)
  • Die Notwendigkeit der Neugeburt: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen." (Joh 3,3)
  • Auch die Begierde ist Sünde: Jesus radikalisiert das Gesetz in der Bergpredigt – nicht erst der Mord, sondern schon der Zorn ist Sünde; nicht erst der Ehebruch, sondern schon der begehrliche Blick (Mt 5,21–28).

Die Antwort: Taufe und Heiliger Geist

Der Artikel gibt die Diagnose, aber er zeigt auch schon den Ausweg: „durch die Taufe und den Heiligen Geist von neuem geboren werden."

Das bedeutet: Der Mensch kann sich nicht selbst retten. Keine Anstrengung, keine Moral, keine guten Vorsätze können die Trennung von Gott überwinden. Nur Gott selbst kann eingreifen – und er tut es: in der Taufe. Dort wird der Mensch wiedergeboren. Die Schuld der Erbsünde wird ihm nicht mehr angerechnet, weil er nun „in Christus" ist.

Aber: Die Erbsünde als Wurzelsünde bleibt im Menschen bis zum Tod. Der Getaufte lebt in einem ständigen Kampf zwischen dem alten und dem neuen Menschen. Die Taufe beginnt das Werk der Abtötung des alten Menschen – und dieses Werk wird erst am Jüngsten Tag vollendet sein, wenn wir auferstehen in sündlosen Leibern. Darum ist das ganze christliche Leben, wie Luther in seiner ersten der 95 Thesen schreibt, ein Leben der Buße: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sprach: ‚Tut Buße' (Mt 4,17), wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei."

Das ist gemeint mit dem lateinischen Satz: Simul iustus et peccator – zugleich gerecht und Sünder. Gerecht vor Gott, weil Christus für uns eintritt. Sünder in uns selbst, solange wir auf Erden leben. Wie Petrus schreibt: Die Taufe „rettet jetzt auch euch" (1. Petr 3,21).

Was hier verworfen wird

Der Artikel verwirft die Pelagianer – benannt nach Pelagius (ca. 354–420), der lehrte, der Mensch könne sich durch eigene Kraft vor Gott gerecht machen. Die Erbsünde sei keine wirkliche Sünde, der Mensch sei im Kern gut und könne sich das Heil selbst verdienen.

Diese Verwerfung trifft alles, was den Menschen zum Miterlöser macht. Wer die Erbsünde leugnet oder verharmlost, der verachtet – so sagt es der Artikel ausdrücklich – „das Leiden und Verdienst Christi". Denn wenn der Mensch sich selbst retten könnte, dann wäre das Kreuz Christi überflüssig.

Jesus selbst sagt: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken" (Mt 9,12). Nur wer erkennt, wie krank er ist, kann die Größe des Arztes ermessen.

Warum das wichtig ist

Dieser Artikel ist unbequem. Er widerspricht allem, was der Mensch über sich selbst gerne glauben möchte – dass er im Kern gut sei, dass er sich schon irgendwie bessern könne, dass die Welt ein besserer Ort werde, wenn man nur genug an der Erziehung arbeite.

Aber er ist zugleich ausgesprochen realistisch. Pfr. Dr. Martens schreibt treffend: „Man kann mit Recht behaupten, dass die Utopie des Kommunismus letztlich immer wieder daran gescheitert ist und auch künftig scheitern wird, dass sie den 2. Artikel des Augsburger Bekenntnisses nicht ernst nimmt." Der Kommunismus scheitert an seinem falschen Menschenbild. Und der Kapitalismus funktioniert – so zynisch es klingt – gerade deshalb, weil er die Erbsünde des Menschen ausnutzt: Der Mensch leistet, wenn er daraus Vorteil für sich ziehen kann.

Das lutherische Bekenntnis befreit von Illusionen. Wir werden diese Welt nicht ins Paradies verwandeln. Aber es befreit auch von Verzweiflung: Gott selbst hat die Lösung geschaffen – im Kreuz seines Sohnes und im Wasser der Taufe. Und weil wir dort von neuem geboren werden, können wir dann auch anders leben – nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes.

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