Woran lutherische Christen glauben – Artikel 1: Von Gott

Die Confessio Augustana erklärt

Das Augsburger Bekenntnis beginnt nicht mit irgendeinem Nebenthema – es beginnt mit der wichtigsten Frage überhaupt: Wer ist Gott?

Und die Antwort, die es gibt, macht von Anfang an eines klar: Die lutherischen Reformatoren haben keinen neuen Glauben erfunden. Sie bekennen genau den Gott, den die Kirche seit dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 bekannt hat – den dreieinigen Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der Wortlaut des Artikels

Zuerst wird gemäß dem Beschluss des Konzils von Nicäa einmütig gelehrt und festgehalten, dass ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird und wahrhaftig Gott ist und doch drei Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, jede gleich mächtig, gleich ewig: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Alle drei sind ein göttliches Wesen, ewig, unteilbar, unbegrenzt, von unermesslicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.

Unter dem Wort ‚Person' wird nicht ein Teil oder eine Eigenschaft von etwas Anderem verstanden, sondern etwas, das in sich eigenständig ist, so wie die Kirchenväter diesen Begriff in dieser Sache gebraucht haben.

Deshalb werden alle Ketzereien verworfen, die diesem Artikel widersprechen, wie die Manichäer, die zwei Götter annehmen: einen bösen und einen guten; ebenso die Valentinianer, Arianer, Eunomianer, Muslime und alle, die ähnlich denken. Verworfen werden auch die Samosatener, die alten und die neuen, die nur eine Person annehmen und über die beiden anderen, nämlich ‚das Wort' und den Heiligen Geist, die spitzfindige Ansicht vertreten, es seien nicht ‚unterschiedliche Personen', sondern ‚das Wort' bedeute so viel wie gesprochenes Wort oder Stimme, und der Heilige Geist sei eine erschaffene Regung in den Geschöpfen.

Warum beginnt die Confessio Augustana mit Gott?

Dass das Bekenntnis mit diesem Artikel anfängt, hat einen guten Grund. Es war den Reformatoren unterstellt worden, sie würden den Glauben an den dreieinigen Gott in Frage stellen. Luthers Gegner hatten seine Schriften verdreht und aus dem Zusammenhang gerissen. Deshalb stellen die Bekenner von Augsburg 1530 gleich zu Beginn unmissverständlich klar: Wir stehen auf dem Boden des Nicänischen Glaubensbekenntnisses. Das Konzil von Nicäa war im damaligen Reichsrecht verankert – wer es leugnete, stellte sich nicht nur außerhalb der Kirche, sondern riskierte auch weltliche Strafe.

Aber es war nicht nur Politik. Es war vor allem Theologie. Denn alles, was in den folgenden 27 Artikeln entfaltet wird – von der Sünde, von Christus, von der Rechtfertigung, von den Sakramenten – steht und fällt mit der Frage: Wer ist der Gott, der hier handelt?

Ein Gott – drei Personen

Der Artikel bekennt: Es gibt ein göttliches Wesen. Nicht zwei, nicht drei – eines. Und dieses eine Wesen ist in drei Personen: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jede Person ist gleich mächtig, gleich ewig, gleich göttlich. Keine ist weniger Gott als die andere.

Das Wort „Person" meint hier nicht das, was wir heute unter einer „Persönlichkeit" verstehen. Die Kirchenväter benutzten den Begriff, um auszudrücken, dass Vater, Sohn und Geist je eigenständig sind – nicht bloß verschiedene Erscheinungsformen oder Rollen eines Gottes. Der Sohn betet zum Vater, der Vater sendet den Sohn, der Geist bezeugt den Sohn – sie stehen einander gegenüber und sind doch eins.

Die biblische Grundlage

Die Lehre von der Dreieinigkeit ist keine Erfindung des 4. Jahrhunderts. Sie ist im Neuen Testament klar bezeugt:

  • Der Taufbefehl: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." (Mt 28,19)
  • Die Einheit von Vater und Sohn: „Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30)
  • Das Bekenntnis des Thomas: Als Thomas vor dem auferstandenen Christus niederfällt und sagt: „Mein Herr und mein Gott!" (Joh 20,28) – und Jesus ihn nicht korrigiert.
  • Der Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. … Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns." (Joh 1,1.14)
  • Gottes Selbstoffenbarung: „Ich bin, der ich bin." (2. Mose 3,14) – Das griechische Wort „Wesen" (ousia), das im Nicänum verwendet wird, nimmt genau diese Selbstbezeichnung Gottes auf. Die griechische Philosophie hat die Bibel hier nicht überfremdet – der Begriff wird biblisch gefüllt.

Gott ist kein Gedankenkonstrukt. Er ist, wie der Artikel sagt, „wahrhaftig Gott" – er existiert unabhängig davon, ob wir an ihn denken oder nicht. Er war dreieinig in Ewigkeit, lange bevor das Konzil von Nicäa zusammentrat.

Was hier verworfen wird

Zum Bekenntnis gehört auch die klare Abgrenzung. Wer Ja sagt, muss auch Nein sagen können. Der Artikel verwirft:

  • Manichäer – Sie lehrten, es gebe zwei Götter: einen guten und einen bösen (Dualismus).
  • Valentinianer – Eine gnostische Sekte, die einen unerkennbaren Gott und verschiedene göttliche Emanationen (Äonen) lehrte.
  • Arianer – Sie leugneten, dass Christus wahrer Gott ist, und machten ihn zum ersten Geschöpf. (Dieser Irrtum lebt weiter bei den heutigen Zeugen Jehovas.)
  • Eunomianer – Eine extreme Form des Arianismus, die den Sohn als dem Vater völlig wesensfremd betrachtete.
  • Muslime – Der Islam wird hier als nachchristliche Häresie eingeordnet, die die Gottheit Christi und die Dreieinigkeit leugnet.
  • Samosatener – Sie lehrten, der Vater allein sei Gott; „Wort" und „Geist" seien nur Bezeichnungen für Gottes Wirken, keine eigenständigen Personen.

Besonders aktuell ist die letzte Verwerfung: Der Heilige Geist ist keine „erschaffene Regung in den Geschöpfen" – kein bloßes Gefühl, keine Begeisterung, keine religiöse Stimmung. Er ist Gott, die dritte Person der Trinität.

Warum das wichtig ist

Ohne den dreieinigen Gott gibt es kein Evangelium. Ohne den Sohn hätten wir keine Erkenntnis des Vaters. Ohne den Heiligen Geist könnten wir Jesus nicht als unseren Herrn bekennen (1. Kor 12,3). Unser ganzes Heil hängt daran, dass Gott sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart hat – und als solcher für uns handelt.

Oder wie Jesus selbst betet: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein." (Joh 17,21) – Unser Heil besteht letztlich darin, dass wir Anteil bekommen an der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes.

Read more