Was ist eigentlich eine Texttradition?
Wir haben heutzutage leider keine Originalausgaben des biblischen Urtextes mehr zur Verfügung.
Es gibt jedoch zahlreiche Manuskripte, die über die gesamte fernöstliche Welt verstreut sind und weiterhin gefunden werden.
Diese stammen meist aus einer Überlieferungstradition.
Jede Überlieferungstradition ist hierbei ein „Strang“ sowohl lokaler als auch zeitlich zusammenhängender Manuskripte.
Durch das Zusammenbringen dieser verschiedenen Texttraditionen versuchen Bibelwissenschaftler, einen möglichst nahe am wirklichen Urtext liegenden Text zu rekonstruieren, welcher meistens als der „Kritische Text“ bezeichnet wird, da er durch die Methoden der Textkritik erarbeitet wird.
Der folgende Artikel stellt eine kurze Übersicht über die wichtigsten Texttraditionen der Bibel dar.
Texttraditionen des Alten Testaments
Masoretischer Text (MT)
Der masoretische Text ist die traditionelle hebräische Textversion der jüdischen Bibel (Tanach), die von den Masoreten (z. dt. „Überlieferer“) zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert nach Christus sehr genau gesammelt, zusammengeschrieben, kodifiziert und mit diakritischen Zeichen[1] versehen wurde, um die korrekte Aussprache sicherzustellen.[2]
Die Masoreten waren talmudische Gelehrte aus Babylonien und Palästina, die danach strebten, den ursprünglichen Text des Alten Testaments so genau wie nur möglich zu reproduzieren.
Dabei war es ihnen speziell wichtig, die Bedeutung der Schriften nicht zu interpretieren, sondern das authentische Wort Gottes für zukünftige Generationen zu bewahren.
Sie sammelten dafür aus allen möglichen und verfügbaren Traditionen Manuskripte und mündliche Erzählungen.
Die Masoreten gingen bei der Analyse der unterschiedlichen Textfragmente des hebräischen Urtextes, die ihnen vorlagen, sehr akribisch vor.
Sie zählten Verse, Wörter und Buchstaben, notierten ungewöhnliche Schreibweisen und grammatikalische Besonderheiten.
Ihr Ziel war also ganz klar, den Text möglichst zuverlässig und genau zu überliefern.
Es stand jedoch nicht nur die zuverlässige Überlieferung im Fokus, sondern auch die Benutzbarkeit des Textes in den Synagogen auf der ganzen Welt.
So führten die Masoreten Vokalzeichen in die traditionell ohne Vokale aufgeschriebenen Texte ein.
Diese vereinfachten die korrekte Aussprache beim öffentlichen Vorlesen in der Synagoge um einiges.
Die Sorgfalt, mit der der masoretische Text überliefert wurde, führte zu einer bemerkenswerten Konsistenz in den hebräischen Texten des Alten Testaments seit dieser Zeit.
Die Masoreten stellten sicher, dass jeder Buchstabe und jedes Wort genau überprüft wurden, um die Authentizität und Genauigkeit des Textes zu bewahren.
Seit der Renaissance galt der masoretische Text als der Urtext des Alten Testaments.
Diese Annahme wurde jedoch durch Funde von bis zu 1100 Jahre älteren Bibelhandschriften unter den Schriftrollen vom Toten Meer relativiert, da diese eine Vielzahl von hebräischen Texttraditionen und -formen aufwiesen.
Trotzdem zeigen viele der s.g. „Dead Sea Scrolls“ (z. dt. „Totes-Meer-Schriftrollen“) eine nahezu vollständige Übereinstimmung mit dem masoretischen Konsonantentext[3].
Dies ist ein weiterer Hinweis auf die Genauigkeit des uns heutzutage überlieferten masoretischen Textes.
Die Arbeit der Masoreten bildet somit die Grundlage für den hebräischen Urtext des Alten Testaments, wie er heute bekannt ist, und hatte einen entscheidenden Einfluss auf die jüdische und christliche Bibelüberlieferung.
Samaritanischer Pentateuch (SP)
Der Text der fünf Bücher Mose (Tora) wird außerdem im Samaritanischen Pentateuch gefunden.
Dieser ist eine hebräische Textfassung, welche von samaritanischen Gemeinden verwendet und überliefert wurde.
Die Samaritaner sahen nur die fünf Bücher Mose als die Heilige Schrift an, nicht also die weiteren Bücher des Tanach[4].
Dieser Texttyp enthält an einigen Stellen Erweiterungen, die an die samaritanische Religion angepasst wurden.[5]
Diese Texttradition ist uns in größtenteils mittelalterlichen Manuskripten überliefert.
Texttraditionen des Neuen Testaments
Alexandrinischer Texttyp
Der alexandrinische Texttyp gilt als eine der frühesten Überlieferungstraditionen des Neuen Testaments und bildet die Grundlage für viele moderne wissenschaftliche Ausgaben. Er entstand im Raum von Alexandria, einem bedeutenden kulturellen und intellektuellen Zentrum der Spätantike, wo Gelehrte eine sorgfältige Überprüfung und Überarbeitung verschiedener Manuskripte vornahmen.[4]
Wichtige Zeugen dieses Texttyps sind etwa der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus, die beide aus dem 4. Jahrhundert stammen und nahezu das gesamte Neue Testament in griechischer Sprache enthalten.[5]
Der Fokus der alexandrinischen Gelehrten lag darauf, eine möglichst ursprüngliche und unverfälschte Textüberlieferung zu gewährleisten. Daher wurden vermeintlich spätere Einfügungen kritisch hinterfragt und häufig entfernt. In modernen wissenschaftlichen Neutestament-Ausgaben wird dem alexandrinischen Texttyp oft ein hohes Gewicht zugestanden, da seine frühen Zeugen darauf hindeuten, dass dieser Textstrang der ursprünglichen Form des griechischen Neuen Testaments sehr nahekommen könnte.[4:1]
Die akribische Arbeit, mit der die alexandrinischen Kopisten ihren Text überlieferten, lässt sich an den erhaltenen Handschriften ablesen. Das hohe Prestige Alexandrias als Lern- und Wissenschaftszentrum trug sicherlich dazu bei, dass sich der alexandrinische Texttyp in kirchlichen und theologisch-akademischen Kreisen verbreitete. Bis heute bildet er deshalb eine wichtige Grundlage für Bibelwissenschaft und Textkritik des Neuen Testaments.
Byzantinischer Texttyp (Textus Receptus)
Der byzantinische Texttyp, auch Mehrheitstext oder „Koiné“-Text genannt, ist die am weitesten verbreitete Textform des griechischen Neuen Testaments und wurde über Jahrhunderte in der oströmischen (byzantinischen) Kirche tradiert.[4:2] Er hat seinen Ursprung in Konstantinopel (dem späteren Byzanz) und fand von dort aus Verbreitung in den orthodox geprägten Regionen Europas und Kleinasiens. Da die byzantinische Kirche einen starken Einfluss auf die liturgische Praxis hatte, prägte der byzantinische Texttyp die handschriftliche Überlieferung des Neuen Testaments in weiten Teilen der Christenheit.
Da in der byzantinischen Kirche das Vorlesen der biblischen Texte im Gottesdienst eine große Rolle spielte, legten die Kopisten Wert auf Lesefluss und Klarheit. Über Jahrhunderte entstanden so viele Handschriften, die wiederum zur Grundlage des sogenannten Textus Receptus (der „allgemein angenommenen Fassung“) wurden. Erst in der neuzeitlichen Textforschung und bei der Erstellung moderner Bibelausgaben begann man, den byzantinischen Texttyp kritisch mit älteren Handschriften (z.B. im alexandrinischen Texttyp) zu vergleichen.[4:3]
Der byzantinische Texttyp prägte die orthodoxen Kirchen bis in die Gegenwart und bildet auch die Basis zahlreicher älterer Bibelübersetzungen – einschließlich der Lutherbibel in ihrer ursprünglichen Form.
Hinweiszeichen, die die korrekte Aussprache von Wörtern angeben ↩︎
der Masoretische Text ohne die von den Masoreten eingeführten Vokalzeichen ↩︎
Metzger, Bruce M.; Ehrman, Bart D.: The Text of the New Testament: Its Transmission, Corruption, and Restoration. 4th ed. Oxford: Oxford University Press, 2005 ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎
Aland, Kurt; Aland, Barbara: Der Text des Neuen Testaments ↩︎